28. Juni 2016

Das stete Rauschen des Regens
in Beyoglu der nasse Glanz 
auf leeren Straßen und Katzen
die wie du in Hauseingängen 
sitzen im Widerschein der Lichter
in den Fenstern in den Augen
der Nacht der Nachtgesänge
der Stadt in deiner Stimme 
Yagmur in deinen Augen 

Ich war über dieses Wochenende spontan in Ölüdeniz. Ölüdeniz bedeutet Totes Meer, welch Ironie! Ich schlief sehr schlecht, weil ich Todesangst hatte. Genau hierfür gibt es die Angst: Sie soll uns vor einem schnellen Tod bewahren. Wenn uns eine giftige Schlange beißen will ist es beispielsweise von Vorteil Angst zu bekommen. Es löst eine schnelle Reaktion aus: Man entfernt sich schlagartig von der Schlange. Außerdem kommt es zu physiologischen Reaktionen: wir hören, riechen und fühlen mehr durch den Adrenalinaustoß, wir schwitzen und sind somit schwieriger zu fassen. Zurück zum Thema, ich hatte fürchterliche Angst. Angst davor, aus 1700 Meter Höhe herunterzufallen ins Gebirge oder ins Wasser. Zack Bum aus und tot. Vor meinem inneren Auge spielten sich die tragischsten Szenen ab. Angst kann eben auch diffus und unbegründet sein. Denn ich hatte gut recherchiert und wusste genau, dass es schon seit Jahren so gut wie keine Unfälle gegeben hatte. Bei 78 000 Sprüngen gab es 2013 nur 3 Unfälle und keine davon war tödlich. Ich habe aber Höhenangst. Und noch viel schlimmer: Angst vor Kontrollverlust.

Wie viele Menschen fühle ich mich auch im Flugzeug von Zeit zu Zeit unwohl. Einem anderen Menschen blind zu vertrauen und das auf tausenden Meter Höhe ist nichts für mich. Jedes längere Ruckeln und Luftloch fühlt sich für mich an wie der Anfang einer Katastrophe. Und dann gibt es da ja noch diese Menschen die sich in die Luft sprengen könnten. In der Sozialpsychologie nennt man diese – im Anbetracht von Fakten und Zahlen – grundlose Angst „Verfügbarkeitsheuristik“. Wir schätzen etwa das Risiko Opfer eines Mordes oder Terroranschlags zu werden höher ein, da über derartige Ereignisse viel berichtet wird und es dadurch für uns schnell abrufbar, also verfügbar, ist. Ziel des modernen Terrorismus ist es, diffuse Angst zu verbreiten. Ebendiese Wirkung ist leider unbestreitbar.

In der Psychotherapie ist der erste Schritt zur Heilung meist die Psychoeduaktion, was so viel bedeutet wie „Ursachenklärung“. Man versucht aus der Vogelperspektive sich selbst zu betrachten, um zu erkennen welche Symptome man trägt, wie diese sich möglicherweise entwickeln konnten und was helfen könnte. Ich glaube diese Schritte sind sehr hilfreich für alle, die diese beschriebene diffuse Angst auch spüren.

Jeden Tag sterben Menschen, man kann es Schicksal nennen oder Zufall. Es ändert nicht viel an der Tatsache. Fakt ist: überall kann etwas zum Tod führen. Ein Autounfall, sämtliche Krankheiten, ein Amoklauf oder manch einer fällt beim Selfie machen die Klippe herunter. So ist das Leben. Die Lebenserwartung in Deutschland ist mit 80,89 Jahre im Durchschnitt dennoch sehr hoch.

Die Angst ist lebenswichtig und zeitgleich lebenshinderlich. Gestern wusste ich das alles schon, daher wollte ich einen Schritt für mich selbst wagen. Eine weitere Möglichkeit seine Angst zu überwinden ist nämlich, sich seiner Angst zu stellen.

ich habe mich meiner Angst gestellt.

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Es kam etwas wundervolles dabei raus und ich werde mich mein Leben lang an diesen schönen Anblick und meinen Mut erinnern und Kraft daraus schöpfen.Wer sich für das Paragliding in Ölüdeniz interessiert sollte diesen Artikel hier von Steffi in Aworldkaleidoscope und den Blogpost von Sabrina auf JustOneWayTicket lesen. Fast hätte ich am Ende einen Rückzieher gemacht, konnte meine Tränen kaum zurückhalten, doch Ali, mein Tandem-Partner konnte mich überreden es durchzuziehen. Ich bin so dankbar dafür! Ich habe mich gestern nach dem Paragliding wirklich stark gefühlt und durch die Kontrollabgabe entstand das Gefühl das es schön ist sich dem Leben hinzugeben, einfach zu vertrauen und erst dadurch wirklich frei zu sein. Angst hat nämlich auch sehr viel mit Freiheit zu tun. Terror leider auch.

Nach dem Paragliding ging es für mich nach Hause nach Istanbul. Wieder musste ich fliegen, diesmal ohne Angst. Am Flughafen in Istanbul angekommen, wollte ich mich mit einem Freund treffen, da er am gleichen Tag aus Deutschland angereist war. Cafers Mutter war schon vor mir an unserem Treffpunkt und wir spielten mit dem Gedanken einen Kaffee zu trinken, doch Cafer kam gleich nach und kurze Zeit später entschieden wir uns gegen den Kaffee und für ein Restaurant. Das war wohl unser Glück! Etwa eine halbe Stunde nach dem Verlassen des Flughafens (Wir nahmen die Metro), hörten wir von dem Terroranschlag. Wir waren wahrscheinlich nur ein paar Minuten vor dem Anschlag mit der Metro davon gefahren.Wir hatten Glück im Unglück. Wie die meisten Menschen an diesem Abend, die nicht Opfer wurden und Heil davon kamen. Man kann es wieder Schicksal oder Zufall nennen. Es ist fürchterlich, die Welt kann erbarmungslos sein. Es ist der dritte Anschlag in Istanbul seit ich hier lebe. Ich mache mir Sorgen um dieses Land, um meine Familie und meine Freunde. Die bleiben nämlich hier. Man fragt sich unwillkürlich „Wie können Menschen so grausam sein?“. Ich stellte mir die Frage eher so: „Wie kann unsere Welt so grausam sein?“. Kinder, die auf der Straße betteln, ohne Socken. Sie reden wie erwachsene, ihre  Falten lassen sie alt wirken und inzwischen sind sie so präsent, dass man sie kaum registriert. Das ist fast überall auf der Welt so. Man fragt sich wie Menschen in der Lage sein können, so grauenhaft vorzugehen und unschuldige Menschen zu töten. Und gleichzeitig ist die Sachlage eigentlich klar wenn man sich die Not vieler Menschen ansieht, die mit hoher Wahrscheinlichkeit schnell radikalisiert werden können.

Der Mensch strebte immer schon nach Freiheit. Diese ist für die Entfaltung unserer Persönlichkeit essentiell. Solange wir diese Freiheit besitzen, die sich unsere Vorfahren hart erkämpfen mussten, solange müssen wir diese nutzen und leben! Wir dürfen unsere innere Freiheit nicht wegen diffusen Ängsten untergraben. Wir müssen unser Potenzial, welches uns unsere Freiheit bietet positiv nutzen und dafür sorgen, dass auf unserer Welt mehr gute als schlechte Dinge geschehen. Wir müssen leben, lieben und leidenschaftlich sein. Und ja dazu ist Istanbul perfekt geeignet! Der Bosphorus, die Möwen, die unterschiedlichsten und herzlichsten Menschen, bunte Häuser, Schwarzer Tee, Tavla, Katzen und Hunde, die Schiffsfahrten, einmalige Kulissen aus tausenden Blickwinkeln, die Prinzeninseln, türkisches Frühstück, Baklava, Lokanta, innige Freundschaften, Gelassenheit trotz Chaos, die bunteste Kunstszenen, Üsküdar Sonnenuntergang, Gondelfahrten, Fischer am Bosphorus, Dolmus, Fähre Fahren, die schönsten Bazars, Fußball, wunderschöne Moscheen…. they call it Chaos, we call it HOME.

Den 28. Juni werde ich nie vergessen. Meine Zeit in Istanbul hat mich viel gelehrt. Und wenn ich mich nach dem gestrigen Tag umsehe, überwiegt trotz leichten Unbehagens noch immer das Gefühl wirklich in der für mich schönsten Stadt mit den mutigsten Menschen leben zu dürfen. Schon der Fuchs sagte dem kleinen Prinzen:„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

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3 Gedanken zu „28. Juni 2016

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